Level-Up

Letzten Donnerstag habe ich Jamiro zum Einzeltraining eingeladen. Donnerstag ist der Trainingstag, an dem wir besonders talentierte und traingseifrige Nachwuchs-Spieler fördern.

Wie üblich begannen wir mit einer kurzen Erwärmung, ein paar Runden Lauf-ABC, ein paar Dehnübungen und schon gings mit dem Einspielen los: Vorhand-Konter, Rückhand-Konter und Topspin auf Block. Ich liebe diesen immergleichen Beginn und auch Jamiro zeigte ein breites Grinsen, als er nacheinander fünf Hammerspins auf mich abfeuerte und beim Sechsten die Nerven verlor und dem Duell mit einem übermütigen Schuß (ins Netz) ein Ende setzte.

Immer wieder war ich von der Qualität der Bälle so begeistert, dass ich laut ausrief: „Ja, genau, Wau, Klasse, Super…“, und selbst eine Gänsehaut vom Gelingen seiner Schläge bekam. So macht es Spaß Traininer zu sein. Doch es wurde noch besser:

In der nächsten Übung bestand Jamiros Aufgabe darin, einen Aufschlag zu machen, der entweder in meine tiefe Vor- oder Rückhand kommen sollte. Er sollte die gleiche Aufschlagbewegung durchführen und erst so spät wie möglich mit einem kleinen Dreh des Schlägers steuern, in welche Ecke der Ball kommt. Zuerst beobachtete ich seine Bewgung ganz genau, um den ankommenden Ball, möglichst gut zu antizipieren. Nach ein paar Minuten ging die Übung ganz gut und meine Gedanken schweiften ab. Ich dachte an ein Technikvideo, in dem Timo Boll den Topspin erklärt:

„Das könnte ich doch mal ausprobieren“, sagte ich mir und brachte beim nächsten Schlag die linke Seite meiner Hüfte etwas nach vorne, während meine rechte Schulter zurück blieb, bis ich dort eine Spannung spürte. Durch diese Vorspannung sammelte sich Bewegungsenergie, die bei der Schlagausführung frei wurde.
„Wumps“, machte es, als der Topspin übers Netz flog und auf Jamiros Seite einschlug. Ungläubig spürte ich der Bewegung meines Körpers nach. Es fühlte sich total natürlich und richtig an, wie er sich bewegt hatte und zum Dank überschüttete er mich mit einer Ladung Dopamin, die mich zum Weitermachen antrieb.

Unser Training, bei dem ja quasi ich diesmal der Lernende sein durfte, ging mit einem Trainingsmatch zu Ende, bei dem ich mich ganz schön strecken musste, um zu gewinnen. Ich verabschidete Jamiro und ging nach draußen, wo mich ein dramatischer Sonnenuntergang erwartete. Wie oft hatte ich schon vergeblich an meinen Bewegungsabläufen gefeilt? Wie oft in den letzten 6 Jahren wollte ich schon meinen Schläger wegwerfen? Bestimmt 1000 Trainingsstunden hatte sich nichts getan und jetzt, ohne dass ich es wollte, war etwas besonderes passiert.

Das Leben verläuft nicht immer gleichmäßig, manchmal scheint es sich stufenhaft zu entwickeln. Wie in der Quantenphysik beschrieben, bleibt es lange auf einem Niveau und macht dann plötzlich einen Sprung auf eine neue Stufe. Dieser Sprung auf ein neues Level kommt nicht einfach so daher, Voraussetzung dafür sind die vielen kleinen, unsichtbaren Schritte, die wir allzu oft übersehen und für Stillstand halten.

Gut gelaunt ging ich wieder rein. Heute war Herrentraining der 1. und 2. Mannschaft. Ich spiele seit kurzem in der 2. Mannschaft, bin aber mit Abstand der Schwächste im Team und gegen einen Spieler der 1. habe ich noch nie gewonnen. Zugegeben, Lukas, die Nummer 1 des Vereins, hat mich zuerst nicht ernst genommen und ich konnte es fast nicht glauben, als es 2 zu 2 stand und ich 8 zu 7 vorne lag. Ein ums andere mal hatte ich die neue Bewegung gut umgesetzt und sogar etwas ähnliches im Rückhand-Topspin entdeckt. Noch drei Punkte, ich wußte, dass sich Lukas nicht mehr steigern konnte. Ganz einfach brachte ich das Spiel mit 11 zu 7 nach Hause.

Sicher, das war nur ein Trainingsspiel und der Underdog hat es immer leichter als der Favorit. Doch ich habe diese Stufe genommen, ich weiß jetzt, dass ich einen Spieler mit 1630 TTR-Punkten besiegen kann.

Doch viel wichtiger ist mir, dass ich einen neuen Teil des Bewegungsablaufs selbst verstanden habe. Unser Nachwuchs kann sich schon mal freuen, dass ich beim Training jetzt immer wieder auf dieser Bewegung rumreiten werde 🙂

P.S. Ich freue mich auf Kommentare, die Du hier eintragen kannst.

2 Kommentare

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    Hi Jörg
    Super Beitrag!
    Ich habe gesehen und verstanden was du meintest! Das Video Mit Timo hatte ich mir auch angeschaut.
    Es ist beeindruckend, wie man plötzlich erkennt, wie es richtig funktioniert. Vor allem durch das Training mit den anderen erkennt und versteht man immer mehr die Bewegungsabläufe

  • Avatar

    Danke für die tollen Worte!
    Ich habe es leider erst jetzt gelesen und komme mir daher ziemlich schlecht vor.
    Ich muss erlich zugeben, dass mir bei deinen Worten die Tränen kamen.
    Ich freue mich auf das nächste Training.
    Ich bin hochmotiviert!

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